Kryonik für Einsteiger: Wie man ein Gehirn einfriert, ohne es in Brei zu verwandeln

Von: Petro Titarenko | heute, 09:33

Wer schon darüber nachgedacht hat, sich bis in bessere Zeiten einfrieren zu lassen, in denen die Menschheit endlich alle Krankheiten heilt, bekommt neue Hoffnung. Deutsche Forscher sind der realen Kryokonservierung einen Schritt näher gekommen. Sie haben gelernt, Hirngewebe so ein- und wieder aufzutauen, dass es seine Denkfähigkeit nicht verliert – soweit man das bei einem Stück Maus-Hippocampus sagen kann.


Neuronen im glasartigen Zustand. Illustratives Bild. Foto: Ai

Glasartige Ruhe statt messerscharfer Eiskristalle

Das größte Problem beim klassischen Einfrieren ist Eis. Wenn Wasser in den Zellen zu Kristallen wird, wirken diese wie mikroskopisch kleine Skalpellklingen und zerstören die empfindlichen Membranen der Neuronen. Nach dem Auftauen bleibt dann statt funktionierendem Gewebe oft nur biologischer Brei. Um dieses physikalische Problem zu umgehen, setzten die Wissenschaftler auf die Methode der Vitrifikation.

Dabei wird die Flüssigkeit im Gewebe nicht in Eis, sondern in eine glasartige Struktur überführt. Dafür behandelten die Forscher 350 Mikrometer dicke Hirnschnitte, also rund 0,35 Millimeter, mit einer speziellen kryoprotektiven Lösung und kühlten sie dann schlagartig in flüssigem Stickstoff auf -196 °C ab. Anschließend wurden die Proben bei -150 °C für Zeiträume von zehn Minuten bis zu einer Woche gelagert. Für die Neuronen verlief diese „gläserne Auszeit“ offenbar nahezu folgenlos.

Ein Hippocampus, der nichts vergessen hat

Für das Experiment wählten die Forscher den Hippocampus – den Teil des Gehirns, der für Gedächtnis und räumliche Orientierung wichtig ist. Die in Cell Reports Methods veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass neuronale und synaptische Membranen intakt blieben. Es gab keine Hinweise auf einen metabolischen Schock oder ein massenhaftes Absterben von Zellen.

Besonders spannend wurde es bei der Funktionsprüfung. Nach der Rückkehr auf Raumtemperatur reagierten die Neuronen fast normal auf elektrische Reize. Mehr noch: Im Gewebe blieb die Langzeitpotenzierung erhalten – genau jener Mechanismus, der Lernen und Erinnern ermöglicht, bei Menschen ebenso wie bei Mäusen. Theoretisch bedeutet das: Ein so „konserviertes“ Gehirn könnte seine gespeicherten Informationen nach dem Aufwachen behalten.

Zwischen interstellaren Träumen und harter Realität

Trotz des Erfolgs raten die Forscher zur Vorsicht. Zwischen dem erfolgreichen Auftauen eines dünnen Gewebeschnitts und der Wiederherstellung eines ganzen Organs – erst recht eines kompletten Organismus – liegt noch ein gewaltiger Abstand. Das Skalierungsproblem ist nicht gelöst: Ein menschliches Gehirn gleichmäßig und schnell genug zu kühlen, ist deutlich schwieriger als die Arbeit mit millimeterkleinen Proben. Dennoch könnte der Fortschritt den Weg für echte Organbanken und neue Methoden zum Schutz des Gehirns bei schweren Verletzungen ebnen.

Die Studie, unterstützt von Fachleuten der Max-Planck-Gesellschaft, zeigt: Die Erhaltung komplexer Eigenschaften von Nervengewebe nach einer Tiefkühlung ist keine Science-Fiction mehr. Entscheidend sind die richtigen chemischen Stoffe und das richtige Tempo beim Abkühlen.

Für Leser in Deutschland ist das vor allem aus medizinischer Sicht relevant. Gelingt es langfristig, empfindliches Gewebe oder sogar Organe zuverlässig zu konservieren, könnte das die Transplantationsmedizin deutlich verändern. Der Vorteil läge auf der Hand: mehr Zeit für Transport, bessere Planung und im besten Fall mehr verfügbare Spenderorgane. Der Nachteil: Bis zur Anwendung beim Menschen dürften noch viele Jahre Forschung, strenge Zulassungsverfahren und ethische Debatten nötig sein.

Während einige Forscher also lernen, biologisches Gewebe einzufrieren, gehen andere den entgegengesetzten Weg und versuchen, es in digitale Infrastrukturen einzubinden. So entwickelt das Start-up Cortical Labs biologische Rechenzentren, in denen statt Siliziumchips lebende Neuronen arbeiten.