Toyotas Teststadt Woven City: Leben unter KI-Überwachung am Fuß des Fuji

Von: Paul Schmitt | heute, 16:49

Toyota hat im September 2025 seine Teststadt Woven City offiziell in Betrieb genommen – auf dem 71 Hektar großen Gelände eines ehemaligen Werks in Susono, am Fuß des Fuji. Rund 100 Toyota-Mitarbeiter und deren Familien leben dort als erste Bewohner, sogenannte „Weavers". Die Anlage dient nicht als Marketingkulisse, sondern als reales Testlabor für autonome Mobilität, V2X-Infrastruktur und KI-gestützte Stadtsteuerung.

Das Konzept

Hinter Woven City steht der frühere Toyota-Chef Akio Toyoda mit seiner sogenannten „Kakezan"-Vision: Toyota soll sich vom Fahrzeughersteller zum Anbieter vollständiger Mobilitätssysteme wandeln. Das Kernprinzip unterscheidet sich deutlich vom Ansatz westlicher Wettbewerber wie Waymo oder Cruise. Statt intelligenter Fahrzeuge steht hier intelligente Infrastruktur im Vordergrund – das V2X-Protokoll (Vehicle-to-Everything) verknüpft Fahrzeuge mit Straßen, Kreuzungen und Gebäuden.

Auf einer einzelnen Kreuzung sind bis zu acht Kameras installiert. In Wohnbereichen kommen bis zu sechs weitere hinzu. Die im April 2026 vorgestellte AI Vision Engine analysiert Bewegungsdaten in Echtzeit – nach Angaben der Entwickler ohne Gesichtserkennung, stattdessen anhand von Kleidungsmerkmalen.

Datenschutz und DSGVO

Für europäische Beobachter ist die Datenschutzarchitektur besonders relevant. Woven City nutzt ein sogenanntes „Data Fabric"-System, bei dem jeder Bewohner individuell festlegt, welche Daten er freigibt. Laut dem Datenschutzhinweis von Woven by Toyota erfolgen Datentransfers nach Japan auf Grundlage von Standardvertragsklauseln gemäß Art. 46 DSGVO – das Verfahren, das auch viele deutsche Unternehmen bei Cloud-Diensten nutzen. 98 Prozent der Bewohner haben bereits Haushaltsroboter mit Kameras zugelassen, was auf eine hohe Akzeptanz im geschlossenen Umfeld hindeutet. Ob dieses Modell auf öffentliche Städte in Deutschland übertragbar wäre, bleibt offen.

Grenzen der Technik

Die Realität stellt der Technologie aber auch Grenzen. Dreirädrige Elektroroller und Lieferroboter stellen bei Regen ihren Betrieb ein – Wasser beeinträchtigt die Sensoren erheblich. Das Laden von Elektrofahrzeugen via bidirektionaler Wallbox erfordert weiterhin menschliches Eingreifen; eine vollautomatische Kabelverbindung existiert noch nicht. Aktuell sind erst rund zehn Prozent des geplanten Geländes erschlossen, wie die offizielle Ankündigung zur Phase-1-Fertigstellung bestätigt.

Ausblick

Ab dem Geschäftsjahr 2026 sollen externe Teilnehmer Zutritt erhalten; Phase 1 ist auf rund 300 Bewohner ausgelegt, die Gesamtkapazität liegt bei 2.000 Personen. 24 Inventor-Partner – darunter Zulieferer aus dem Toyota-Konzernumfeld – testen Produkte und Dienstleistungen im laufenden Betrieb. Bisher ist kein europäischer Partner aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz bestätigt. Ob Toyota das Woven-City-Modell erfolgreich an andere Kommunen verkaufen kann, wird die entscheidende Frage für die Wirtschaftlichkeit des Projekts sein.