Trump entlässt alle 22 Mitglieder des US-Wissenschaftsrats – Ende unabhängiger Forschungspolitik?
Die US-Regierung hat am 24. April 2026 alle 22 Mitglieder des National Science Board (NSB) ohne Angabe von Gründen entlassen. Das Gremium existierte seit 1950 und steuerte die Vergabe von rund 9 Milliarden Dollar jährlich durch die National Science Foundation (NSF). Mit seiner Auflösung verliert die amerikanische Wissenschaft ihr letztes unabhängiges Kontrollgremium auf Bundesebene.
Was der NSB war
Der NSB wurde per Gesetz vom Kongress eingerichtet, um Präsident und Parlament in Fragen der Wissenschaftspolitik zu beraten. Die Mitglieder mussten laut Statut führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein. Die NSF selbst förderte im Laufe der Jahrzehnte Grundlagenforschung, deren Ergebnisse heute in Mobiltelefonen, MRT-Geräten und digitalen Diensten stecken. Ohne strategische Steuerung durch den Rat fehlt nun die institutionelle Klammer zwischen Steuergeld und langfristiger Forschungsplanung.

Schleichender Abbau
Die Entlassung kam nicht ohne Vorgeschichte. Bereits im Mai 2025 hatte der NSB öffentlich Kritik an Trumps Plänen geübt, den NSF-Haushalt um 55 Prozent zu kürzen. Der Kongress blockierte diesen Schritt – doch ein ähnlicher Vorschlag für 2027 liegt bereits vor. Seit Januar 2025 hat die NSF laut Nature 30 Prozent ihres Personals verloren; die vergebenen Fördermittel liegen 51 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2024. NSB-Vorsitzender Keivan Stassun bezeichnete die Entlassungen gegenüber Science | AAAS als jüngsten Schritt, die Unabhängigkeit der NSF systematisch zu beseitigen. Die Kongressabgeordnete Zoe Lofgren warnte, ohne das Gremium könnten politisch loyale Personen ohne wissenschaftliche Qualifikation die Forschungspolitik bestimmen.
Der europäische Kontrast
Während die USA ihre Wissenschaftssteuerung zentralisieren und politisieren, geht Europa einen anderen Weg. Deutschland erhöht die KI-Förderung auf bis zu 5 Milliarden Euro bis 2025; die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) arbeitet nach wie vor nach dem Prinzip der Selbstverwaltung der Wissenschaft. Auf EU-Ebene stellt das Horizon-Europe-Programm 700 Millionen Euro allein für KI in der Grundlagenforschung bereit – verteilt über mehrere Jahre und unabhängig von Regierungswechseln, wie der AI Watch (EC) zu entnehmen ist. Die European Commission betont in ihrem AI Continent Action Plan von April 2025 ausdrücklich akademische Freiheit als Wettbewerbsvorteil gegenüber politisch gesteuerten Systemen.
Was folgt
Ein offizieller Zeitplan für Nachbesetzungen im NSB existiert nicht. Solange er fehlt, entscheidet die NSF-Leitung ohne unabhängige Kontrolle über Milliarden an Forschungsgeldern. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hierzulande, die mit US-Partnern zusammenarbeiten, bedeutet das: wachsende Unsicherheit über die Verlässlichkeit amerikanischer Forschungskooperationen. Wer langfristig plant, dürfte den Blick stärker auf europäische Finanzierungswege richten.