Frauen im Auto: Warum Sicherheitssysteme die Hälfte der Passagiere schlechter schützen

Frauen im Auto: Warum Sicherheitssysteme die Hälfte der Passagiere schlechter schützen
Herkömmliche Crashtest-Dummies orientieren sich am männlichen Körper – weibliche Anatomie bleibt weitgehend unberücksichtigt.. Quelle: Quelle: KI

Frauen tragen in Autos ein deutlich höheres Verletzungsrisiko als Männer – und das hat wenig mit dem Fahrverhalten zu tun. Forschende am Institut für Fahrzeugsicherheit der Technischen Universität Graz haben österreichische Unfalldaten von 2012 bis 2024 ausgewertet und kommen zu einem klaren Befund: Wenn Männer und Frauen gemeinsam im Auto sitzen, ist das Verletzungsrisiko für Frauen im Durchschnitt 1,6-mal so hoch. Bei Unfällen mit niedrigen Geschwindigkeiten verdoppelt sich dieser Unterschied sogar.

Das Problem mit dem Dummy

Der Grund liegt tief im System. Seit Jahrzehnten orientieren sich Crashtests am sogenannten „50. Perzentil des Mannes" – einem Normkörper, der dem statistischen Durchschnittsmann entspricht. Der weibliche Dummy, eingeführt 1988, ist kein eigenständiges Modell, sondern schlicht eine verkleinerte Variante des männlichen – entwickelt für eine sehr zierliche Frau. 95 Prozent der Frauen in der Realität sind größer und schwerer. Anatomische Besonderheiten wie Beckenbreite, Bruststruktur oder Schultergeometrie fließen in Frontal- und Seitentests kaum ein.

Projektleiterin Corina Klug fasst das Problem direkt zusammen: Frauen seien keine kleinen Männer – wer universelle Modelle verwende, verfälsche die reale Risikoeinschätzung. Besonders betroffen sind Brustkorb, Wirbelsäule und Extremitäten, vor allem bei Personen über 50 Jahren.

Herkömmliche Crashtest-Dummies orientieren sich am männlichen Körper – weibliche Anatomie bleibt weitgehend unberücksichtigt.
Herkömmliche Crashtest-Dummies orientieren sich am männlichen Körper – weibliche Anatomie bleibt weitgehend unberücksichtigt.

Die Sitzposition zählt

Die Grazer Forschenden rekonstruierten echte Unfälle mithilfe virtueller biomechanischer Modelle. Dabei zeigte sich: Die Sitzposition ist entscheidend. Frauen sitzen häufiger auf dem Beifahrersitz und nehmen dort eine entspanntere Haltung ein – stark zurückgelehnter Sitz, weit nach hinten verschobene Position. Aktuelle Gurte und Airbags sind für solche Szenarien nicht ausgelegt.

Ein zusätzliches Risiko ist das sogenannte Submarining: Durch falsche Sitzposition, dicke Winterkleidung oder eine Decke kann der Körper beim Aufprall unter den Gurt rutschen, was schwere innere Verletzungen verursacht. Die Faustregel bleibt: Der Beckengurt muss über dem Beckenknochen liegen, der Schultergurt über dem Schlüsselbein. Jede Abweichung davon macht das System wirkungslos.

Was sich ändert – und wie langsam

Euro NCAP überarbeitet seine Protokolle und plant ab 2026 virtuelle Simulationen, die unterschiedliche Körpergrößen und -typen abbilden sollen. In den USA hat die Verkehrsbehörde NHTSA im November 2025 den neuen weiblichen Dummy THOR-05F genehmigt – eine verpflichtende Einführung in amerikanischen NCAP-Tests ist allerdings frühestens 2027 bis 2028 zu erwarten, berichtet NPR. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat sich bislang nicht zu Anpassungen der Homologationsvorschriften geäußert.

Die TU Graz plädiert für adaptive Gurtsysteme, die sich automatisch an Gewicht, Körperbau und Sitzposition anpassen. Computersimulationen könnten dabei Tausende Körpervarianten testen, ohne für jeden Fall einen teuren physischen Crashtest durchzuführen – und wären damit der pragmatischste Weg, Fahrzeuge für alle sicherer zu machen.

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