16-Milliarden-Dollar-Datenzentrum: Wie Konzerne lokalen Widerstand in den USA aushebeln
Ein kleines Städtchen in Michigan hat gerade erlebt, wie ohnmächtig Bürger gegenüber milliardenschweren Konzernen sein können. Saline Township lehnte ein geplantes Rechenzentrum zweimal ab – und musste dennoch innerhalb weniger Tage kapitulieren. Das Projekt kostet 16 Milliarden Dollar und ist Teil von Stargate, dem 500-Milliarden-Dollar-Infrastrukturprogramm der US-Regierung für Künstliche Intelligenz.
Das Projekt
Related Digital, ein Ableger des Immobilienkonzerns von Milliardär Stephen Ross, wollte 230 Hektar Agrarland in Saline Township bebauen. Geplant ist ein Rechenzentrum-Komplex mit knapp zwei Millionen Quadratmetern Nutzfläche. Die Hauptmieter sollen Oracle und OpenAI werden – beides Schlüsselakteure in Stargate, dem von Donald Trump geförderten Programm zur KI-Dominanz der USA.
Die lokale Planungskommission stimmte zweimal gegen das Vorhaben. Die Bewohner fürchteten den Lärm, den enormen Energieverbrauch und vor allem den Wasserverbrauch: Rechenzentren benötigen laut Planet Detroit zwischen 150.000 und fünf Millionen Gallonen Kühlwasser pro Tag.
Der juristische Druck
Zwei Tage nach der zweiten Ablehnung reichte Related Digital Klage ein. Der Vorwurf: Die Gemeinde betreibe „exclusionary zoning" – blockiere die Entwicklung der Fläche rechtswidrig. Der Gemeindeanwalt räumte offen ein, dass ein langer Prozess finanziell kaum zu stemmen wäre.
Noch wirkungsvoller war eine zweite Drohung: Related Companies erwog, das Projekt über die Universität Michigan abzuwickeln. Staatliche Universitäten genießen in den USA häufig Immunität gegenüber lokalen Bauvorschriften. Die Gemeinde hätte damit jeden Einfluss – und sämtliche Steuereinnahmen – verloren. Sie lenkte ein und unterzeichnete einen Vergleich.
Das Ergebnis: Saline Township erhält rund 14 Millionen Dollar an Gemeinschaftsleistungen, darunter Lärmbegrenzungen und Wassernutzungsauflagen. Das klingt nach viel – entspricht aber nur etwa dem Zehnfachen des jährlichen Gemeindehaushalts, gemessen am 16-Milliarden-Dollar-Projekt ein verschwindend kleiner Anteil, wie Fortune dokumentiert.
Was das für Europa bedeutet
In Deutschland und Österreich wäre ein solches Vorgehen erheblich schwerer durchzusetzen. Die EU-Richtlinie 2023/2413 schreibt für Großprojekte dieser Art Umweltverträglichkeitsprüfungen und Transparenzpflichten vor. Kommunen haben rechtlich gesicherte Beteiligungsrechte. Wasserverbrauch muss offengelegt werden – eine Forderung, die Umweltgruppen in Michigan vergeblich stellten.
Hinzu kommt: Auch politische Verflechtungen spielten in Michigan eine Rolle. Stephen Ross ist Hauptsponsor der Universität Michigan – die Wirtschaftsfakultät trägt seinen Namen. Der Vizepräsident von Related ist mit der Außenministerin von Michigan verheiratet, die gerade für das Gouverneursamt kandidiert. Laut NextCity werfen Kritiker die Frage auf, ob solche Netzwerke den Ausgang beeinflusst haben – rechtliche Verstöße sind nicht belegt.
Der Fall zeigt exemplarisch, warum der europäische Rechtsrahmen für Großinvestitionen in KI-Infrastruktur kein bürokratisches Hindernis ist – sondern ein demokratisches Schutzinstrument.